Am 10. März 2026 erschien in der Rheinpfalz ein Interview mit Marc André Gerbes (DropDetective) und Julia Zimmermann (Eversion Technologies). Anlass war die bevorstehende Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Das Gespräch drehte sich um eine Frage, die viele junge Gründer*innen in Deutschland beschäftigt: Warum ist es so schwer, hier etwas aufzubauen – und was muss sich ändern?
Dieser Beitrag fasst die zentralen Thesen und Hintergründe zusammen.
Bürokratie als strukturelle Innovationsbremse
Deutschland hat ein Bürokratieproblem. Das ist keine neue Erkenntnis – aber es ist eine, die für Gründerinnen täglich spürbar wird. Eine GmbH-Anmeldung dauert hierzulande mehrere Monate. In Estland ist derselbe Vorgang an einem Tag erledigt. Dieser Vergleich ist kein Ausreißer. Er ist symptomatisch für ein System, das nicht für Geschwindigkeit gebaut wurde – und in einer Welt, in der Startups häufig gegen internationale Wettbewerberinnen antreten, ist Geschwindigkeit kein Luxus.
Marc André Gerbes beschreibt das Problem aus eigener Erfahrung: Jede Behörde hat eigene Zuständigkeiten, eigene Fristen, eigene Formulare. Fördermittel müssen beantragt werden, bevor ein Produkt sicher und wirksam ist – und die Bewilligung dauert so lange, dass die ursprüngliche Lage sich längst verändert hat. Wertvolle Zeit, die in Produktentwicklung, Kundengespräche und Aufklärungsarbeit investiert werden könnte, fließt stattdessen in administrative Prozesse.
Das zweite Problem: Fehlende Praxiserfahrung in Förderstrukturen
Weniger diskutiert, aber mindestens genauso folgenreich: Viele Ansprechpartner*innen in Behörden, Förderstellen und Beratungseinrichtungen haben selbst nie gegründet. Sie kennen den Alltag zwischen Idee und Marktreife nicht aus eigener Erfahrung – und das zeigt sich in den Gesprächen, in den Empfehlungen, in den Anforderungen.
Gerbes betont dabei ausdrücklich: Es gibt Ausnahmen. Das Coaching durch das Moinland-Team im Rahmen des START.in.RLP Gründungsstipendiums war für ihn genau das Gegenteil. Direkt anwendbar, auf Augenhöhe, mit echtem Verständnis dafür, was es bedeutet, zwischen Vision und finanziellem Überleben zu navigieren. Diese Qualität der Unterstützung sollte kein Privileg einzelner Förderprogramme sein, sondern der Standard.
Was sich konkret ändern muss
Aus dem Interview lassen sich vier strukturelle Forderungen ableiten:
Eine einzige digitale Plattform für alle Gründungsprozesse. Statt Behörden-Ping-Pong zwischen IHK, Gewerbeamt, Finanzamt und Gesellschaftsregister braucht es einen einzigen, digitalen Einstiegspunkt, der alle relevanten Schritte bündelt und transparent macht.
Ansprechpartnerinnen mit echter Gründungserfahrung. Wer Gründer*innen berät, sollte selbst gegründet haben – oder zumindest intensiv in Startup-Ökosystemen gearbeitet haben. Empfehlungen ohne Praxisbezug kosten wertvolle Zeit und führen in die falsche Richtung.
Digitalisierung, die wirklich vereinfacht. Viele aktuelle Digitalisierungsinitiativen übertragen bestehende Papierprozesse eins zu eins in digitale Formulare. Das ist keine Vereinfachung. Echte Digitalisierung bedeutet, Prozesse neu zu denken.
Lernen von anderen EU-Ländern. Was in Estland, Portugal oder den Niederlanden funktioniert, ist in Deutschland nicht unmöglich. Es fehlt nicht an Möglichkeiten – es fehlt an politischem Willen und struktureller Priorisierung.
Standort und gesellschaftliches Fundament
Gerbes verknüpft im Interview die wirtschaftspolitische Diskussion mit einer gesellschaftspolitischen Perspektive: Ein attraktiver Gründungsstandort braucht mehr als effiziente Behörden. Er braucht ein stabiles gesellschaftliches Fundament – sozialen Zusammenhalt, Rechtsstaatlichkeit und eine politische Kultur, die strukturellen Fortschritt über kurzfristige Spaltung stellt.
Der Standort Deutschland sei nicht unattraktiv, weil die Menschen fehlten. Er sei es, weil gute Menschen mit unnötigen Prozessen zermürbt werden.